NORBERT CONZEN - Kunstprojekte, Filme, Fotografien, Zeichnungen

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231 Stelen - Katalog zu den Ausstellungen des Stelenprojektes
Notizen zu einem Projekt von Norbert F. Conzen
Von Jürgen Raap (Dezember 1998)

Bis zum Jahre 2002 stellt Norbert F. Conzen 231 plastisch bearbeitete Stelen, aus verschiedenen Holzarten gefertigt (Fichte, Tanne, Eiche, Linde), von Nord- bis Südeuropa im offenen Landschaftsraum als Skulpturenkette auf: in den deutschen Mittelgebirgen und in den Alpen ebenso wie an den Küsten der Nordsee und des Mittelmeeres. Jeder gewählte Ort nimmt nur eine einzige Stele auf, im Durchschnitt ist die nächste dann jeweils gut einen halben Tagesmarsch entfernt. Die Stelen nehmen Bezug auf eine vom Künstler subjektiv ausgewählte Besonderheit des Ortes: Landschaft, Kulturdenkmal, Verkehrsweg, Handwerk und Industrie, Geschichte und Gegenwart verschmelzen in der Skulpturenkette zu einem Spiegelbild unserer Gesellschaft.
In gewisser Weise ist dieses Projekt als eine Summe der künstlerischen Erfahrungen und Ansätze zu werten, die sich aus dem bisherigen Werk von Norbert F. Conzen als Maler, Zeichner, Objektmacher und Filmer ablesen lassen. Denn bei Conzens Vorgehensweise steht meistens nicht das einzelne Werk im Mittelpunkt, sondern eine Bündelung in Projekten und eine serielle Ausbreitung der jeweiligen Ideen über Formen, Striche, Zeichen, Farbzusammenhänge. Die einzelnen Werkkomplexe wurden und werden oft in einer Serie mit sieben oder zwölf Varianten präsentiert, und so ergibt sich die gewählte Anzahl der Stelen aus dem Zahlenspiel 77 x 3 = 231.

Jede individuelle künstlerische Entwicklung führt irgendwann zu einer logisch erscheinenden Konsequenz; bei Norbert F. Conzen ist dies derzeit die verstärkte Hinwendung zur Plastik. Dies geschieht jedoch in enger Beziehung zur Malerei und Zeichnung, wo die Auflösung in Formen ausgelotet wird, in denen die mikroskopischen Strukturen in der Natur bzw. in der Organik reflektiert werden, als ein Konglomerat von Zellen. Solche Strukturanalysen führen zur bildnerischen Abstraktion, und auch die Stelen sind sowohl in ihrer Form als auch in ihrem ornamentalen Beiwerk durch Einkerbungen und Ausfräsungen als Abstraktum zu begreifen: wiewohl sie vage an die Wegkreuze in der katholischen Volkskultur erinnern oder an indianische Totempfähle, und bei ihrer Plazierung im offenen Naturraum mitunter das Prinzip der Vogelscheuche assoziieren, so stellen sie dennoch nichts Figürliches dar. Sie entbehren auch jeglicher Funktionalität, wie sie Masten oder Pfähle als Markierungspunkte, Träger von Schildern, Stützen von Hochleitungen etc. in der Landschaft haben.

Im Zentrum der Stelen, quasi als „Kopf“ im oberen Teil, befinden sich jeweils rechteckig ausgefräste Felder bzw. Cassetten mit Ausmalungen im Inneren. Die feinen Linienstrukturen sind von Conzens malerisch-zeichnerischer Stilistik abgeleitet, und sie verweisen darauf, daß Naturerkenntnis in statistischen Werten erfaßt und systematisiert wird, deren Quantität häufig grafisch in Strichen oder Balken ausgedrückt wird. Solche Verbildlichungen des Ergebnisses von Messungen und Erhebungen als Index für Anzahl, Anteil oder Häufigkeit - immer im Verhältnis zu anderen Anteilen oder Häufigkeiten - sind als symbolisierende Inhaltsmomente zwar realistisch, d.h. sie stehen für eine Realität: jeder Strich umfaßt eine Teilmenge von Realem. Als Wahrnehmungsmomente, losgelöst von ihrer bedeutungsmäßigen Legende, d.h. „einfach nur für sich betrachtet“, sind diese Verbildlichungen jedoch abstrakt.

In der ornamental formulierten Schnitztechnik an der Oberfläche der kantigen Hölzer wird eine einfache Formensprache der Volkskunst bewußt eingearbeitet. Hier findet sich einerseits eine Verdichtung sich wiederholender Muster, andererseits auch eine sparsame rhythmisch angelegte Einkerbung oder Einritzung von Quer- oder Diagonalstreifen. Die malerischen Beifügungen und das plastische Oberflächenzierrat stehen somit in enger Korrespondenz zueinander, wodurch eine Einheit im Werk garantiert ist, auch wenn die Leuchtkraft der Farbe das gemalte Moment optisch besonders hervorhebt.

Nur etwa mannshoch ragen die Skulpturen aus dem Boden auf, denn sie sollen keineswegs eine Übermächtigkeit suggerieren, zu der man aufschauen muß. Als Kulturphänomen werden sie somit nicht gegen die Natur eingesetzt, sondern als Teil der Natur: das chemisch unbehandelte Stelenholz wird nämlich sieben Jahre lang Witterungseinflüssen oder potentiellen menschlichen Zugriffen ausgesetzt. Lediglich der Fußteil, der etwa 40 cm tief in den Boden eingelassen wird, erfährt eine Schutzbehandlung mit Bitumenfarbe.

Erst anschließend werden die Stelen konservatorisch behandelt und dann mit den Spuren der Zeit ausgestellt: Flechten- und Moosbildung, Pilz- und Schwammbefall, Vogelkot, Wasserspuren, Abnagungen von Tieren.
Zeitenüberdauernd in konkretem Ortsbezug sollen diese Stelen damit keineswegs sein; das einzelne Kunstwerk wird später zum Relikt einer Aktion, bleibt aber gleichzeitig Kunstwerk, gleichgültig, ob es später an seinen Platz wieder zurückgestellt oder an anderem Ort, etwa einem Museum in eine Kunstsammlung, eingegliedert wird. Ebenso wichtig sind daher auch die fotografischen Dokumentationen und Tagebuchaufzeichnungen, die die eigentliche künstlerische Arbeit nicht nur begleiten, sondern als wesentlicher Teil des Konzepts dessen Prozeßhaftigkeit unterstreichen.

Die ersten Stelen stellte Conzen im Sommer 1995 versuchsweise auf, um vor allem die Einwirkung von Regenwasser beobachten zu können: der Skulpturenkörper saugt Feuchtigkeit in der Laufrichtung des Holzes mit seinen Maserungen auf; das biologische Kapillarprinzip bedingt wesentlich die Veränderungen der plastischen Materie. Unter diesem Aspekt ist die Wahl der Form denn auch nicht nur rein ästhetisch definiert - die Spitzen sind oft angeschrägt, um Wasser abperlen oder abfließen zu lassen wie bei einem Satteldach, und die Auswölbungen sollen ebenfalls das Regenwasser in bestimmte Fließrichtungen lenken.
In den archaischen Kulturen haben bestimmte Plätze im Wald eine religiöse oder mythische Bedeutung gehabt, sie galten als „Heilige Stätte“, waren Tabuzonen oder Versammlungsorte. Sofern sie nicht durch ein bereits vorhandenes Naturmonument, einen besonders großen Baum oder einen Felsen gegenüber ihrer unmittelbaren Umgebung hervorgehoben waren, wurden sie von Menschen entsprechend gestaltet und markiert, z.B. durch die Menhire in den keltischen Kulturen. Conzens Projekt klammert diesen kulturhistorischen Hintergrund nicht aus, doch in erster Linie geschieht die Wahl des Standortes nach rein künstlerischen Erwägungen. An ihrem jeweiligen Ort wirken die Stelen weder aufdringlich noch völlig versteckt. Sie erscheinen oft ungewöhnlich und überraschend, und doch scheinen sie zu dem jeweiligen Naturraum dazu zu gehören.

Das dies tatsächlich vom zufällig des Weges daher kommenden Betrachter so empfunden wird, beweisen Reaktionen der einheimischen Bevölkerung in der Eifel: man legte Blumenkränze am Fuß der Stele nieder, wie man dies seit altersher auch an Wegkreuzen oder an Mariensäulen am Wegesrand macht. Es ist nicht falsch, wenn die Stele als eine Art „modernes“ Wegkreuz gedeutet wird, und daß von der Tradition der Volksfrömmigkeit her in den katholisch geprägten Gegenden Süddeutschlands diese Stelen keineswegs als etwas völlig Fremdes eingeschätzt werden, ist einsichtig.

Stelen waren in der Antike Grabsäulen zum Gedenken an den Verstorbenen. Neben dem Kreuz, der erwähnten Madonnensäule oder -statue (oft in einer Wandnische oder an freiem Weg in einer kleinen Kapelle plaziert), auch Statuen von Heiligen als Schutzpatron, gibt es in den einzelnen Kulturen die verschiedensten Bildsäulen im offenen Raum, die den Wanderer oder Reisenden leiten und schützen, d.h. Unheil ableiten (wie ein Blitzableiter), ihn segnen, auf Gefahren hinweisen, zum Innehalten und zum Schutz- oder Dankgebet für die noch bevorstehende oder schon zurückgelegte Wegstrecke einladen, Grenzen oder andere hoheitliche Bedeutungen anzeigen sollten. Das profane Schild unserer Tage, das uns willkommen heißt oder uns eine gute Reise wünscht, das Betreten von privatem Grund verbietet (als eigentumsrechtliche Tabuzone) oder vor dem Berühren warnt, ist die modern-banale Form dessen.

Historisch ist die Skulptur bzw. ist der Bildstock an eine bestimmte Zeichenfunktion gekoppelt. Als magisches Zeichen, etwa als Totem, ist es Vehikel, um das Schicksal zu beschwören und zu bannen - indem der Mensch damit einen Raum in der Natur markierte, wollte er sich eben diese Natur symbolisch wie praktisch verfügbar machen. In der christlichen Kultur hingegen ist es ein Zeichen, angesichts dessen die Schicksalsmacht Gottes oder eines Heiligen nur angerufen, aber nicht beschworen wird. Als Grabzeichen ist es ein Erinnerungsmoment und -monument, das über den individuellen Tod hinausreichen und ihn damit überdauern soll.

Conzens Stelen indessen sind reine Kunstwerke „an und für sich“, denen über den Kunstkontext hinaus keine weitere Bedeutung attestiert wird. Sie entbehren daher auch jeglicher Frivolität. Indem sie aber bewußt dem Verfall in der freien Natur preisgegeben werden, arbeitet diese Kunst gegen ihre gängige Bedeutung als Ewigkeitswert, der in den Museen immer wieder von neuem restauriert wird, um den ursprünglichen Zustand zu erhalten bzw. wieder herzustellen, als ob man damit die Zeit und die Alterung anhalten könnte.

Die Gewißheit, daß alles vergänglich ist, und daß diese Vergänglichkeit unausweichlich ist, empfindet der Mensch im Bewußtsein seiner selbst bzw. im Bewußtsein seiner individuellen Existenz als ungeheuerlich. Deswegen trachtet er, zumindest in der Kunst, die er schafft und hinterläßt, eine Unsterblichkeit zu erringen; und es mutet vielleicht grotesk an, daß die UNESCO die Baupläne der wichtigsten Kulturdenkmäler der Menschheit atomstrahlensicher aufbewahrt, damit wenigstens diese die schlimmsten Katastrophen überdauern mögen, wenn dies schon nicht dem Menschen selbst vergönnt wäre. Die Stelen sind jedoch jeglicher Vermessenheit abhold, sie widersetzen sich nicht dem natürlichen, nicht aufzuhaltenden Lauf der Dinge; und deswegen haben sie nicht nur in ihrer Höhe ein humanes Maß.
Jürgen Raap