NORBERT CONZEN - Kunstprojekte, Filme, Fotografien, Zeichnungen

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Die Struktur als Ansatz zur Erneuerung der Formgebung
oder der Weg zum 231-Stelen-Projekt
Katalogtext von Norbert F. Conzen (März 1996) zur Ausstellung in der APC-Galerie, Kempten

Die Erforschung und das wissenschaftliche Entschlüsseln der Natur ist unabhängig vom Kulturkreis von Alters her des Menschen Ansinnen. Die dabei bisher ermittelten Ergebnisse werden in der ganzen Welt in Tabellen, Statistiken und Karten entsprechend ihrer Bedeutung für den Forschenden oder ihrem Verwendungszweck für die Allgemeinheit in jegliche Form von Diagrammen gebracht.

So ist die Straßenkarte, mit deren Hilfe wir uns in einer Stadt zurechtfinden, eine sehr spezielle Art von Plan, der eine genaue topographische und geographische Vermessung zugrunde liegt, aber eine auf die Bedürfnisse des Autofahrers gefilterte Darstellung das Endprodukt ist. Legen wir den Maßstab der Karte zugrunde, wären Autobahnen, Straßen und Bahnlinien entsprechend ihrer maßstablichen Strichbreiten mehrere Kilometer breit. Trotzdem können wir mit diesen Karten umgehen und uns eine Vorstellung von der Route machen, der wir folgen wollen, um an einen bestimmten Ort zu gelangen. Nichts sagt eine Straßenkarte jedoch über Gefühle und Stimmungen, Wetter und Begegnungen aus, die uns auf der Reise durch die Landschaft befallen können. In diesem Sinne sind z. B. die auf Birkenrinde aufgezeichneten „Wanderkarten“ der nordamerikanischen Indianerstämme oder die herrlichen Karten der australischen Aborigines schon ergiebiger, auf denen Wege symbolisiert sind, die ihre Ahnen über Jahrhunderte hinweg immer wieder zurückgelegt haben und die ihren Medizinmänner in regelmäßigen Zyklen im Traum erscheinen. Einerseits repräsentieren diese Karten, wenn auch in unserem Sinne nicht maßstabsgerecht, die geographischen und typographischen Gegebenheiten, andererseits zeigen sie aber auch die heiligen Bezirke, die ergiebigen Jagdgründe, den Verlauf der Tierwanderungen, die Wechsel der Jahreszeiten (Blüte und dem Blätterabwurf) oder sogar den Gesang des Windes oder den Weg der Toten ins Jenseits.
Durch den Einfluß der europäischen Kultur auf die restliche Welt sind solche Ganzheitskarten überwiegend von naturwissenschaftlichen Karten verdrängt worden. Die wissenschaftlichen Karten geben Vorstellungen des Zivilisationsmenschen von Natur und dem Leben, die im Vergleich zu den Karten der Indianer und Aborigines mit ihrem Ganzheitsbild vom Kosmos offenbar schlecht abschneiden. Das war nicht immer so.

In der westlichen Kultur gab es noch bis ins Mittelalter hinein Gemälde, welche das Leben eines Heiligen zeigen, in denen Geschichte und religiöse Botschaft, Zeit und Raum vereinigt dargestellt sind. Der Heilige wird zu unterschiedlichen Zeiten seines Lebens in den wichtigsten Stationen seines Wirkens nebeneinander dargestellt, die Farbe hat ebenso symbolische Bedeutung wie auch die vielen Gegenstände im Bild. Kennen wir den Code, können wir in solchen Bildern lesen wie in einem Buch. Die Perspektive der Gegenstände ist unterschiedlich, verschiedene Kameraeinstellungen wie Nahaufnahme, Totale und Halbtotale verbinden sich zu einer Gesamtwirkung. Alles dient nur dem Zweck, einen ganzheitlichen äußeren Eindruck des inneren Lebens zu geben.

Mit der wissenschaftlichen Erforschung und der Kartographie der Natur änderte sich auch in der Kunst die Vorstellung eines einheitlichen Raum-Zeit-Bildes. In der Renaissance vollzieht sich der Wandel von der alten zur neuen Welt. In dem Maße, wie sich die neuen Bilder und die neuen Karten von der Welt entwickelten, entfernte sich das Bild, das der Mensch sich von sich machte, von der Eingebundenheit in die Natur. Die perspektivische Malerei gab nur noch die Sichtweise des menschlichen Auges wieder. Diese Realität brachte jedoch Einschränkungen mit sich: der Raum wurde zum vorherrschenden Thema der Malerei und die Formen und Strukturen der Gegenstände wurden „verzerrt“ dargestellt. Bis ins späte 18. Jahrhundert folgte die Kunst in der Hauptsache dieser Richtlinie. Erst die Impressionisten lösten sich wieder von der Vorstellung der „Nur-was-das-Auge-sieht“-Malerei und lösten das „Gesehene“ in Farbflecken auf. Über die neuen Formschöpfer Van Gogh, Gauguin, Cézanne und dem Naiven Rousseau gelangten nach dem Expressionismus Picasso und viele andere Künstler bis zur heutigen Zeit zu einer intensiven Auseinandersetzung mit vielen Varianten der subjektiven Ganzheitsdarstellung, die sich in den letzten Jahrzehnten den vielen Ausdrucksmöglichkeiten der neuen Medien (Film, Video, Computer = Multimedia) zugewandt hat.

Hier setzt nun mein Ansatz zur weiteren Formentwicklung in der Kunst an. Was ist eigentlich Natur, Technik und Leben im Ganzheitlichen? Welche Möglichkeiten der Formfindung gibt es zur Zeit in der Darstellung? Bei meiner Analyse stieß ich ausschließlich auf Strukturen, die sich seit jeher in der Natur und andeutungsweise immer wieder von der Antike bis zur Moderne in der Bildenden Kunst wiederfinden. So zeigt die Figur des David von Michelangelo bei genauer Betrachtungsweise und dem entsprechenden Betrachtungs“nah“stand ausschließlich die Struktur des Marmors. Die Gemälde des Vincent Van Gogh zeigen ausschließlich vom Pinsel herbeigeführte Ölfarben-Reliefstrukturen, egal ob sie im (an)gemessenen Abstand gesehen ein naturalistisches Bild zeigen.

Kurzum jegliche Form gibt im Detail Struktur, also den Aufbau, das Gefüge, die innere Gliederung aller Dinge wieder. So zeigt jeglicher mikroskopischer oder makroskopischer Blick auf Mensch, Tier, Pflanze, Landschaft oder Gebäude, egal ob aus den Bauplänen der Natur oder von Menschenhand entstanden, in seiner analytischen Reduktion nichts anderes als Struktur. Schließlich fand ich beim Betrachten meiner alter Zeichnungen, mal stärker oder schwächer herausgearbeitete Strichstrukturen, die ich immer wieder unbewußt, selbst in die realistischen Bilder, eingestrichelt habe.

Dies brachte mich auf die Idee, daß in jedem Menschen innere Strukturen, innere Pläne vorhanden sind, die man als Künstler in Form von Malerei, Zeichnen und Bildhauerei herauslocken kann, um wenigsten der ganzheitlichen Darstellung etwas näher zu kommen. Es lag für mich nahe, meine Malerei, Zeichnung und Projektkunst dieser inneren Formfindung zu unterwerfen. Die Versuche gipfelten schließlich in einer weiteren selbstaufgelegten Reduzierung, nämlich das Verwenden von ausschließlich grün (Erde) für den unteren Teil und blau (Himmel) für den oberen Teil des Bildes, unterbrochen von weißen Pinselstrichen, die ich als „Lebensstrukturen“ bezeichne. Wobei ich mit zusätzlichen Varianten auch weiterhin experimentieren will.

Schon in der Bildserie „Der Berg ruft“ hatte ich konkret versucht, diese inneren Strukturen mit einer realistischen und doch strukturellen Darstellung von Bergpanoramen zu kombinieren. Hier tauchte dann auch die Idee auf, „Strukturplastiken“ zu schaffen, diese in die Natur zu stellen und ihrem natürlichen Verfall der Natur zu überlassen, um „meine innere Struktur“ von der Natur abgleichen zu lassen. Die Idee für das 231-Stelen-Projekt war geboren, wenn ich mir auch anfänglich über Form der Durchführung nicht klar war.

Die Entwicklung der Form der Stelen ging dann zügig voran. Die einfache schlanke Form war nach einigen Experimenten, die ich mit früheren Objektkästen gemacht hatte, schnell entwickelt. Die Verbindung zur Zeichnung und zur Malerei mit ihrer Darstellung der Ganzheitsstruktur löste ich durch eine eingefräste Kassette im oberen Teil der Stele. Die Aufstellungsorte sollen angefangen von meinem Geburtsort Hürth eine Skulpturenkette quer durch Europa in einem Abstand von Stele zu Stele von jeweils einem Tagesmarsch ergeben, um die unterschiedlichen Struktur- und Kulturprofile der einzelnen Regionen zu zeigen.

Norbert F. Conzen
März 1996